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Angespannt, nicht süchtig
Frau Anna N. (45) wird von ihrem Mann ständig sexuell bedrängt. Sie sieht keinen Ausweg mehr und denkt schon an Selbstmord.
Grund für den Ambulanzbesuch
Das Paar erzählt mir bedrückt seine Geschichte. Nach vier Kindern hatten sie beschlossen, durch Samenleiterdurchtrennung zu verhüten. Die Anweisung des Arztes nach der Operation hatte Herr N. so aufgefasst, dass er sich nun zwei Monate lang täglich selbst befriedigen müsse. Da ihm dies widerstrebte, wollte er täglich Sex mit seiner Frau. So gewöhnte er sich schnell an den täglichen Sex und wurde sehr gereizt, wenn sie nicht wollte. Aus Liebe und Angst willigte sie meist ein und verschwieg ihm über Jahre, wie sehr sie unter seinem Drängen litt. Allmählich aber baute sie gegen seine sexuellen Annäherungen einen so starken Widerwillen auf, dass ihr Körper zu schwitzen und das Herz zu rasen begann. Schließlich trieb ihre Verzweiflung sie sogar zu Selbstmordgedanken. Dann fanden sie Hilfe beim Urologen ihres Mannes. Nach der Diagnose Sexsucht wurde Herrn N. von nun an ein Gegenmittel gegen das Lusthormon Testosteron gespritzt. Als aber höchste Dosen des Medikamentes nicht mehr weiter halfen, suchte das Paar mich auf. Tatsächlich konnte das Medikament nicht helfen, denn Herr N. war nicht sexsüchtig. Er hatte stattdessen die Gewohnheit angenommen, seinen täglichen Stress in einem sehr verantwortungsvollen Beruf durch Sex abzubauen.
Sexualtherapie:
Im Laufe der folgenden Sexualtherapie zeigte sich, dass es ihm an Körpergefühl mangelte und er sich dadurch seiner inneren Anspannungen gar nicht bewusst war. Da er keinen Sport trieb und Selbstbefriedigung ablehnte, hatte sich der erleichternde Spannungsabbau auf den Sex mit seiner Frau konzentriert. So lernte er in der Therapie, vor allem sein Körpergefühl zu entwickeln. Andererseits hatte Frau N. nie gelernt, sich für ihre Bedürfnisse einzusetzen. Ihre Hoffnung, ein zartes Nein wäre ausreichend, wurde von ihrem Mann nicht respektiert, da er es von seinem Beruf her nicht gewohnt war, Widerspruch zu akzeptieren. Sie musste daher Möglichkeiten entwickeln, ihre Grenzen deutlich zu benennen, zu verteidigen und sich dafür nicht zu schämen. Genau das aber imponierte ihrem Mann, den sie ganz allmählich wieder körperlich näher kommen lassen konnte. Schließlich konnten beide einen Sinn für erotische Zärtlichkeit entwickeln, ohne zwangsläufig miteinander schlafen zu müssen.